Saturday, December 27, 2008

Auwaldhütte, 10. April 1940


In Rastatt, als Zeuge in der Sache eines Schützen, der der unerlaubten Entfernung angeschuldigt war. Das Kriegsgericht tagte in einem der schönen Säle des alten Schlosses, und der Vorgang stellte sich mir in starker Weise als Ganzes dar. Ich sah die Richter, die Zeugen, die Wache, den Schreiber, den Angeklagten und auch mich selbst sehr aufmerksam am Werk und tief im Lebensraum.

In solcher Stimmung stellen sich mir Räume dieser Art als Zellen in einem grossen, uralten Bienenkorbe dar; wir trieben es da nicht anders, als man es vor vielen tausend Jahren in Ägypten, in China oder Babylonien trieb. Dies Unveränderliche Insektenhafte gab mir ein wenig Zuversicht und Heiterkeit, indem ich dachte: "Es steckt in allem doch ein Gesetz, das tiefer ist als die Kulturen, und selbst, wenn diese brechen, spinnt sichs immer von neuem an." Von diesem Optimismus profitierte auch der Angeklagte, indem mein Zeugnis ihn günstiger erfasste, als es, strengenommen, angängig war.

Am Abend, beim Teee in meiner Auwaldhütte, musste ich über diese Grillen lachen: "Bei schönen Frauen sind wir allen, die jemals waren, schliesslich noch ähnlicher. Solange diese auf Erden leben, kann es nicht gänzlich sinnlos sein." Dann tauchten Meerestiere, wie ich sie jenseits der Azoren gesehen habe, aus der Erinnerung - ein Wesen gleich einem Aale oder eine Schlange, graublau mit hellen Bändern, die brennendrote Portugiesische Galeere, Fliegende Fische in Pfauenaugenfarben und mit den Tropfenreihen, die, von den Flossensäumen perlend, den Meeresspiegel zeichneten. Sie zogen vorüber wie Bilder, die man an den Wänden der Speisesäle in Pompeji sieht, jedoch auf lapisblauem Hintergrund. Und alle diese Schätze gleichen doch nur Bruchstücken von Geschmeiden, wie sie der Zufall aus kristallenen Kammern hebt, sind nur ein Abglanz der unsichtbaren Fülle, die in der Tiefe lebt. Daher gerinnen sie uns auch, wenn wir sie mit Händen greiffen, oft schon in Augenblicken zu farbiger Gallerte und zu buntem Schaum.

Wo solche Kleinodien achtlos dem Verderben ausgeliefert werden, muss ungeheurer Reichtum im Hintergrunde stehen. Wir kennen die Münzen und kennen die Münze nicht. So kennen wir auch das Leben und kennen das Leben nicht. Wir tasten uns an unseren Abstraktionen hin.

Das Meer kennt keiner, der nicht Neptun gesehen hat.

(Bild: Schloss Rastatt, Postkarte aus dem Jahre 1937)

Auwaldhütte, 8. April 1940


Vormittags ging ich wie gewöhnlich die Stellung ab, die hier viel kürzer als bei Greffern ist. Der schöne, einsame Rückweg hinter dem linken Flügel auf dem hohen Stege, der über den Altrhein führt. Dort pflege ich mich zu vergnügen, indem ich die zahlreichen Gefässe, die im Geniste angetrieben sind, mit der Pistole abschiesse. Die Flaschen spritzen in Scherben in die Tiefe, und die Kanister sinken langsam und zögernd ab.

Dann auf dem Altrheindamm, von dem aus ich lange die Yburg betrachtete. Bauten wie diese, die auf Kegelstümpfen errichtet scheinen, wirken auf das Auge besonders stark. Rodolphe hat ähnliche auf dem Atlantisbilde, das in Goslar in meinem Zimmer hing. Der Eindruck rührt daher, dass die Phantasie die Werke in Stellvetretung des abgeschnittenen Gebirges sieht. Da wirkt die volle Macht des Urgesteins im Bauwerk mit.

Ganz ähnlich liegen die Dinge dort, wo die Bauten selbst in Form von Kegelstümpfen errichtet sind. Die Spitze scheint durch eine magische Haube ersetzt. Wir spühren im Anblick den Vorrat an unausgeformter materieller Kraft und damit die Nähe von unmittelbarer Macht. In unseren spitzen Türmen dagegen wird der Stoff aufs letzte ausgemünzt, so dass der Eindruck geistigen Strebens, geistiger Kühnheit überragt. Der Strom kann im Äther abfliessen. Auf dem Breughelschen Bilde vom Babylonischen Turm sehen wir beides: den fürchterlichen Koloss im Vordergrunde und dahinter, in grünen Nebeln, eine gotische Stadt. Hier schneiden, wie auf manchem seiner Werke, Magie und Mystik ineinander ein. Er sieht zwei Welten, gleich Herodot.

Indem ich so den Schwarzwaldhang beschaute, sprang aus dem gelben Schilf am Altrheinufer ein behendes Tier, rostbraun und fahl gescheckt, mit schwarzer Schwanzspitze, und tollte im Revier. Ich rief nachher den Führer des rechten Zuges, der Oberförster ist, deswegen an und hörte, dass es sich um einen Iltis handelte. In dieser Weise benutze ich gern die Kompanie als Lexikon.

Da die Franzosen im Panzerwerk "Roter Rhein" auch heute morgen wieder grundlos eine Serie von Schüssen auf unsere Stellung abgegeben hatten und ich ihnen überhaupt von meinem Geburtstag her noch gram bin, liess ich am Nachmittag zweihundertfünfzig Schuss Hartmunition mit Leuchtspur auf ihre Scharte feuern, aus der die Öffnung eines Maschinengewehrs blinkt. Ich sass mit Spinelli am Scherenfernrohr, und Erichson war am Gewehr. Er lenkte die Geschosse wie glühende Pfeile auf den Turm und fädelte sie dann in die Scharte ein, in der sie mit zähem weissem Qualm phosphorisch sprühend zerplitterten. Nachdem er den Gurt verschossen hatte, quoll lange, als ob es im Turme schmorte, Rauch aus der Scharte aus. Auch oben, aus der Öffnung des Periskops, stieg wie aus einem grossen Pfeifenkopf gelblicher Dampf empor.

Gleich nach der Eröffnung des Feuers sahen wir, dass die Besatzung das Gewehr, als ob es festgenagelt würde, vergeblich zurückzuziehen suchte; dann kämmte sie von einer anderen Stelle aus mit ihrer überschweren Waffe das Ufer ab. Das Wetter war freundlich, und die Leute, die sich in diesen Tagen gelangweilt hatten, wurden munter, so das sich dergleichen öfter betreiben will.

(Bild: Die Yburg, nahe Baden-Baden, Stich aus dem 18. Jahrhundert)

Auwaldhütte, 7. April 1940

Der Zinkofen, den ich in der Schilfhütte brannte, war aus dürftigem Metall. Die Glut erhöhte seine Farbe in ein sehr schönes, transparentes Rot.

Nach diesem Muster bergen die Dinge und birgt das Leben Eigenschaften, die uns im Alltag verschlossen bleiben, während der Übertritt auf andere Stufen, in andere Grade oder Zeiten sie offenbart.

So hat das Leben seine Maien- und Blütenwunder, die der nicht ahnt, der nur das Blattwerk kennt. Auch kann die höhere Potenz in Gliedern, Teilen und Schichten sicht entfalten - im Prachtgewand der Männchen bei Vögeln und Insekten, im Busen des Weibes, der nach Novalis die in den Geheimnisstand erhöhte Brust verkörpert, im echten Adel, in dem ein Volk in edler Erscheinung leuchtet, und im Dichter, in dem die Sprache in ihre Blüte tritt.

Es ruhen im Menschen auch Qualitäten, die erst der Tod entfalten wird. Dann findet die Verwandlung nicht mehr in Schichten, sondern in der Fülle statt.

Ihr grossen Abenteurer - dies wird euer letztes und grösstes Abenteuer sein.

Monday, December 22, 2008

Auwaldhütte, 29. März 1940


Am Morgen dieses 45. Geburtstages schien die Sonne sehr schön im lichten Pappelhain. Wie immer kam Rehm als erster in die Hütte, gratulierte und stellte Blumen und Orangen auf den Tisch. Dann zog ich mich an und las am offenen Fenster den 73sten Psalm.

Nach dem Frühstück trat ich unter die Pappeln, wo der Hornist den Willkommen blies, während der Kompaniertrupp mich in strammer Haltung erwartete. Sein Führer, Unteroffizier Fasbinder, überreicht mir eine Flasche Rotwein, an deren Hals ein Veilchenstrauss geheftet war.

Dann kamen Spinelli und der Hauptfeldwebel; der eine wünsche mir Glück im Namen der Offiziere, der andere im Namen der Kompanie. Sie überreichten mir ein Messer aus Elfenbein.

Ich ging dann wie gewöhnlich die Stelung ab und traf bei der Rückkehr den Oberst, die Ärzte und die Führer der Nachbarabschnitte an, die ich mit Likören, Zigarren und Konfekt bewirtete. Es waren Briefe und Pakete angekommen, so dass die Hütte recht festlich anzuschauen war. Am meisten erfreute mich ein in genarbtes Leder gebundenes Tagebuch, das eine Leserin für mich gefertigt hatte und das den roten Cucujo, eines meiner geheimen Wappentiere, als Zeichen trug.

So rückte der Mittag heran. Zum Kaffee gedachte ich in Gesellschaft von Spinelli den grossen Kuchen anzuschneiden, den Oberstleutnant Vogler mir aus Baden-Baden gestiftet hatte, und stand gerade im Begriff, den Höhrer vom Telefon zu nehmen, als im Auwald das Hämmern eines überschweren Maschinengewehres erklang. Gleich darauf wurde von Stand 47 ein Krankenträger angefordert; ich liess mir daher ein Fahrrad bringen, um zu sehen, was es gab.

In diesem Stande steht eine Abwehrkanone hinter einem zu leichtem Panzer, der neulich schon von einigen Treffern durchschlagen worden war, die sich dann noch im Schutzschild abgedrückt hatten. Ich traf den Führer, Unteroffizier Neumann II, mit seine Leuten auf dem freien Platze vor dem Bunker und erhielt von ihm Bericht.

Die Dinge lagen so, dass kurz nach Mittag ein Wachtmeister und ein Gefreiter von der nahen Artilleriebeobachtung gekommen waren, beide Neulinge am Ort. Der Wachtmeister äusserte den Wunsch, die von Geschosseinschlägen besäte Stirnwand des Bunkers zu photographieren, und ohne auf Warnung des Unteroffiziers zu hören, stieg er, gefolgt von dem Gefreiten, über den hohen Aufwurf des Werkes zum Rheinufer hinab. Im gleichen Augenblick begann von drüben, aus dem Panzerwerke "Roter Rhein", in dem rabiate Burschen hausen, ein Maschinengewehr zu spielen, und die beiden Artilleristen bleiben auf der grünen Böschung liegen, die weithin sichtbar ist. Der eine hatte noch gerufen, vom anderen hatte man nichts mehr gehört.

Nachdem ich den Ort besichtigt hatte, beschloss ich, die beiden zu bergen, was freilich auf dem Wege, den sie genommen hatten, unmöglich war. Vielmehr musste links von dem Bunker ein breiter Drahtverhau zur Annäherung durchschnitten werden, und zwar derart, dass die Arbeit durch einen Saum von dürrem Gras getarnt wurde, das zwischen den Uferbäumen wuchs.

Inzwischen war auch Spinelli angekommen, und wir folgten den Leuten, die kriechend die Gasse schnitten, bis nach einer guten halben Stunde der Weg geöffnet war. Zwischen den Bäumen hingen noch einige Tarnmatten aus gelbem Rohr, die gegen den gröbsten Einblick deckten, dann waren bis zu den beiden liegenden Gestalten noch etwa fünfzehn Schritte zu tun. Die Feste "Roter Rhein" war gegen vierhundert Meter weit entfernt.

Ich hatte mit Spinelli, der nicht nur ein gewiegter Reisender in Gewürzen, sondern zugleich ein wackrer Leutnant und meine gute Stütze ist, beschlossen, dass wie den Gang tun wollten; ich fühlte mich dazu aufgelegt. Auch Spinelli war guter Laune und schritt eilig auf das Ende der Tarnung zu. Als ich ihm folgen wollte, erschienen hinten in der Gasse Leutnant Erichson von der Vierten und bat mich lebhaft, sich beteiligen zu dürfen - er habe "so was noch nie mitgemacht". Ich fand indessen die Partie schon reichlich besetzt und gab ihm den Auftrag, die Bergung zu sichern, indem er die Scharte des Panzerwerks auf dem Visier behielt. Dann schritt ich eilig mit Spinelli auf die grüne Böschung vor. Hier sah ich den Gefreiten liegen; ich fasst ihn an und fand ihn noch warm. Dennoch waren die Glieder bereits ein wenig steif. Der Wachtmeister lag neben ihm; wie er mir zurief, war er nur leicht gestreift, sonst unverletzt. Darauf befahl ich ihm, den Toten am Kopf zu fassen, während Spinelli ihn an den Beinen und ich ihn am Koppel trug.

In dieser Ordnung taten wir einige Schritte, dann hüllte uns pfeifend und knallend die Garbe der überschweren Waffe des Panzerwerks ein. Ihre Geschosse klatschten durch die dicken Pappeln, zerschellten am Bunker, klirrten durch die Drähte und rissen Furchen im grünen Boden auf. Wir warfen uns nieder; ich fühlte die Beine des Toten neben meinem Kopfe, während ich unter dem Drahtverhau in einer flachen Mulde lag, wie Hühner sie ausscharren. Ich spürte den Schlag, mit dem ein neuer Treffer ihm den rechten Arm zerbrach. Sie hielten uns unter Feuer, während die hochgestäubte Erde uns in die Haare rieselte und sich ein Dunst von funkendem Metall verbreitete.

Übrigens bat Spinelli mich während dieser Spanne, mein linkes Knie mehr anzuziehen, das zu offen lag. Ich schätzte das umso höher, als er eigentlich noch ungedeckter als ich am Uferrand in Stellung gegangen war. Dann setzte Erichson mit seiner Waffe ein und legte das Feuer durch Gegenfeuer lahm. Wir bliben noch eine ganze Weile an den Boden gepresst; endlich krochen wir hinter den Matten durch die Gasse zurück.

Ich wollte nun die Kanone fertig machen lassen, doch zeigte sich, dass ein Geschoss der Garbe, die uns gegolten hatte, die Scharte durchflogen und dann die Rücklaufbremse angeschlagen hatte, so dass die Waffe beschädigt war. Wir standen hinter der Bunkermauer, während ein neuer Hagel von Geschossen die Stirnwand des Nachbarwerks aufstäuben liess. Ein Klümpchen von geschmolzenem Blei traf auf das Achselstück des Assistenzarztes; es klemmte sich dort gleich dem Stern eines Oberarztes fest und gab zu einer Fülle scherzhafter Glückwünsche Veranlassung.

Im Abenddämmern holten wir, gemeinsam mit seinem Batteriechef, den Toten ein. Ich war dabei, als ihn der Stabsarzt, um die Wunden zu betrachten, eintkleiden liess, und sah den schweren Treffer am Arm, der schon nicht mehr geblutet hatte, und viele Verletzungen am Leib, aus deren einer eine kupfern Kugel fiel. Unmittelbar tödlich aber musste ein überschwerer Treffer am Hinterkopf gewesen sein; er hatte die Schädeldecke durch eine lange fast spannentiefe Furche ausgepflügt.

Wiederum, wie schon so manches Mal an solchem Ort, bemerkte ich deutlich die gereizte Stimmung, die um den Hingestreckten waltete. Sie äusserte sich bei denen, die ihn entkleideten und seine Sachen verwahrten, doch auch bei denen, die ihn betrachteten. Das ist ein tiefer Zug, in dem sich ein verborgenes Schuldverhältnis offenbart.

So endete mein Geburtstag, der sich mir in der Erinnerung erhalten wird.

(Bild: "Cucujo", Pyrophorus noctilucus)

Tuesday, December 16, 2008

Auwaldhütte, 28. März 1940


Seit zwei Tagen hause ich in meinem neuen Gefechtsstand, einer Holzhütte inmitten des lichten Auwaldgürtels, der den Rhein und die verschlungenen Altwasserarme vor Iffenzheim umschliesst. Erhöte Stege führen zu den Kampfbunkern am Flussufer.

In den Nächten ist es noch kühl, trotzdem läuten die Unken in den Waldteichen. Aus den Erlenbüschen schnurrt das jähe, automatische Kollern der Fasanenhähne, und in den Schilfgürteln ertönt das Flattern der Enten und das hörnerne Quäken der Teichhühner. Auch fischen graue Rheier auf den Sandbänken. Ganz nahe meiner Hütte hält eine Häsin zwei Junge im Nest, die sie bei rauhem Winde unter Blättern verscharrt.

Gleich nach meiner Ankunft in Iffezheim machte mich eine Grippe bettlägrig. Ich half mir durch eine starke Schwitzkur auf. Viel wirkte auch die gute Pflege des Dr. Eiermann und seiner Gattin, bei denen ich im Quartiere lag. Die Krankheit stellt eine Frage an unsere Lebenskraft; wir geben die Antwort durch Erhöhung der Lebenszeichen, wie der Flüsse, der Wärme des Blutes und der Geisteskraft, die in den Fiebern tropisch wird. Bedeutend sind auch die labyrinthischen Anstrengungen während der Fieberträume; wir tasten uns zu den verborgenen Schätzen der Gesundheit vor. Im Grunde findet wohl eine Prüfung des Herzens statt.

Lektüre während der Genesung: Moltke, "Gespräche", die soeben in Hamburg herausgekommen sind. An diesem Geiste sticht vor allem die Sparsamkeit hervor, wie sie auch physiognomisch an den schmalen Lippen sichtbar wird. Wenn man die alte Ritterschaft mit einem reichen und fein verästelten Kristall vergleicht, dann ist hier jeder Zierat hinweggeschmolzen und ausgespart. Dennoch sind alle Haupt- und Richtungsachsen unversehrt geblieben; und so kommt es, dass diesen kargen Menschen mythischer Glanz umwebt. Wie zart ist etwa sein Mitgefühl mit dem besiegten Gegner, wie mit Napoleon und Benedek. Er steht im absoluten Range höher als Bismarck, der zwar von reicherem, doch auch gemischterem Metalle war. Der war dem Zeitgeist näher und konnte dem Gegner in gleicher Münze zahlen, während ein Degen von reinem Erz nur noch im Heere und im alten Lehensverband möglich war.

Dann blätterte ich in Bänden von "Atlantis", einer Zeitschrift, die in manchem Jahrgang recht gut gelungen ist und die mich an das alte, solide "Pfennig-Magazin" erinnert, das ich, gleichfalls im Fieber, bei Celsus in Norwegen las.

Aus einem Aufsatz über China zog ich einige Sentenzen aus, die mir behagten:

"Wenn einer den Mund hält, werden seine Wiorte sprichwörtlich."

"Du kannst nicht zu einem Brunnenfrosch vom Ozean sprechen."

"Wer einen Tiger reitet, kann nicht mehr absteigen."

Endlich las ich das letzte Buch von Henry de Montherlant, der sehr gewonnen hat. Ich zähle ihn, ähnlich wie T. E. Lawrence, Saint-Exupéry, Quinton, zu der ganz kleinen, hohen Ritterschaft, die aus dem Weltkrieg hervorgewachsen ist. Erst wenn die Glut erkaltet, treten die Diamanten aus schwarzem Kohlenfluss hervor.

(Bild: Zeitschrift "Atlantis", 1929 - 1964)

Monday, December 15, 2008

Iffezheim, 17. März 1940

In Iffezheim, als Führer der Reservekompanie. Die schönen Tage von Karlsruhe sind vorüber, wo man lebte, wie der Soldat in Etappen lebt. Als Führer eines Transportes konnte ich einen Tag in Kirchhorst rasten, war bei Perpetua, den Kindern und Friedrich Georg. Wie kostbar ist doch ein solches kurzes Wiedersehen - als die Bestätigung, dass man im Innern seiner Liebsten lebt.

Dann Aufenthalt in Freiburg, einer Perle unter den Städten, in der sichs träumen lässt. Im "Falken" weihte ich auch dem Erasmus ein stilles Glas - das ist ein Geist, den man in Zeiten der Sicherheit leicht unterschätzt. Übrigens beginne ich mich mit dem deutschen Rotwein zu befreunden; mir scheint, dass er doch feinere, verborgenere Gänge der Phantasie erschliesst. Die Kellnerin in der kleinen alemannischen Stube, in der ich zweimal speiste - ein Wesen, dessen Nähe ich als angenehm empfand. Die Frauen merken das auch ohne Wort und Blick. Am Schluss des Mahles nahm sie dem Ober, der abtragen wollte, diue Flasche aus der Hand - sehr schöne Geste, ganz im Geist des Standes: "Diese Bedienung behalte ich mir vor."

Sunday, December 14, 2008

Karlsruhe, 10. März 1940

Zur erotischen Fortifikationslehre: vor allem vermeide jene vertrackte Art von Vesten, bei denen die Aussenforts gleich unter dem ersten Angriff fallen, die Zitadelle aber unüberwindlich bleibt.

In der Nacht träumte ich von einem ganz unsinnigen Ereignis und hörte dabei eine Stimme sagen: "Wie könnte Derartiges geschehen, wenn es nicht zur Belehrung dienen soll?"

Das ist insofern richtig, als der Kosmos in einer seiner Perspektiven rein pädagogisch geordnet ist.

Karlsruhe, 1. März 1940


Es ist ein wenig wärmer geworden, doch liegt der Schnee noch hoch in den Waldschlägen, und der Frost hält sich tief im Boden versteckt. Auch zieht es in den Nächten wieder an. Das war ein Winter, der die Sehnsucht nach dem Frühling heftiger weckt, gleich dem von 1928/29, auf den ich dann nach Marseille und zu den Balearen fuhr.

Vom Schiessen zurückkehrend, ritt ich durch einen alten Eichenschlag der Hardt und dachte, so halb im Sinnen: "Das müsste Weide für einen Schwarzspecht sein." Im gleichen Augenblick, wie aus dem Gedanken heraus geboren, sah ich das Tier, zum zweiten Mal in meinem Leben, mit glutrotem Schopf aus einem dürren Wipfel im Wellenflug abstreichen. Ich fasste das beinahe als ein Wunder, wie eine eigene Schöpfung auf - ganz ähnlich wie in den Träumen sich die Dinge nähern, an die man denkt. Und doch gings mir mit Blumen, Tieren und auch mit Menschen schon oft im Leben so. Das ist auch eine der höheren Stufen und der unerhörten Reize bei der Insektenjagdt, und der ganz gelehrte Apparat nur Handhabe dazu. Wo immer uns das Gefühl der Harmonie mit Macht ergreift, springen die Einzelheiten zauberhaft und gleich dem letzten Pinselstrich hinzu.

So ists vor allem mit dem Augenblick des Glückes selbst. Die Dinge sind gestimmt; die Welt steht im Akkord. Nun hängt es von uns ab, ob wir das "Sesam" sprechen wollen, das uns den Überfluss erschliesst.

(Bild: Dryocopus martius, Der Schwarzspecht)

Saturday, December 13, 2008

Karlsruhe, 28. Februar 1940

Zu manchen Dingen dieses Lebens braucht man Katalysatoren - so, wenn man leichte Mädchen kennenlernen will, einen billigen Kompagnon.

Am Nachmittag hörte ich zum ersten Male meine Stimme, und zwar von einer Wachsplatte. Zu meinem Erstaunen besass sie durchaus den Tonfall jener eingefleischten und geistig prüden Hannoveraner in mittleren Jahren, die mir seit jeher unangenehm gewesen sind. So wenig kennen wir uns.

Am Abend traf unerwartet Friedrich Georgs neuer Gedichtband "Der Missouri" ein, den ich sogleich zu wiederholten Malen las, mit immer wachsender Erheiterunng. Wieder, und stärker noch als im "Taurus", der Eindruck der hohen und durch nichts zu hemmenden Kraft. Hier setzt sich der Geist des Vaterlandes wie ein Lichtstrahl in der Geraden fort. Als günstig im Sinne wachsender Gesundung empfinde ich die Wendung vom Trockenen zum Feuchten - vom heissen Feldgestein, auf dem die Schlangen spielen, zum grossen Strom. Sehr schön, dass sich damit indessen nicht zugleich das Mass auflockert, sondern strenger, wenn auch geheimer, kristallisch-verborgener, wird.

Karlsruhe, 25. Februar 1940

Das ängstliche Forschen nach dem Übersinnlichen und nach sichtbaren Zeichen aus seiner Sphäre verrät Adepten minderen Ranges - unbekannt mit der gleich dem Äther alles belebenden Geistesgewalt. Die Spiritisten schossen in dieser Richtung den Vogel ab. Wenn mann, wie sie, in der Erwartung übersinnlicher Besuche zunächst die Sinne bis auf das letzte schärft, erinnert man an einen Physiker, der Flammen im luftleeren Raum studieren will.

Auf solchen Sorgen verfällt man nur in der höchsten Sekurität.

Der Glaube ist gleich dem Sauerstoff ein Hinzutretendes. Daher geschehen Wunder nicht jedem und nicht überall. Der flammende Busch.

Karlsruhe, 24. Februar 1940

In der Nacht zum 23. Februar rückten wir aus der Stellung ab und übernachteten in Rastatt, einem der Brennpunkte dieser Oberrheinfront. In der nächsten Nacht marschierten wir weiter bis nach Karlsruhe, beide Male bei hellem Vollmondschein, in dem die Schwarzwaldkuppen weithin schimmerten. Merkwürdig sind die Farben in solchen Nächten - Mondfarben, gleichsam als Ahnungen von Farben ausgeprägt. Man sieht sie nur, wenn man sie sucht. So gibt es viele Dinge in der Welt, die man erst wahrnimmt, wenn man Kenntnis von ihnen hat. Und andere sind, die man niemals sieht.

Wir hausen hier in der Forstner-Kaserne, in der ich eine angenehme Wohnung in meinem Kompaniebereich bezog.

Schilfhütte, 22. Februar 1940


Gestern, in der Nacht vor der Ablösung, lag das erste Feuer auf dem Abschnitt. Ich hörte im Halbschlaf zunächst vereinzelte Schüsse und Feuerstösse, die mir verdächtig nah erschienen, erfuhr dann aber auf Anruf bei den Zugführern, dass es sich um Störfeuer im Greffernbogen handelte.

Gleich darauf meldete mir der Führer des grossen Werkes "Elefant", dass er beschossen werde, und bat um Feuererlaubnis, die ich erteilte und auf hundert Schuss festsetzte. Damit ging das Konzert im ganzen Abschnitt los, das ich erst träumend und dann immer wacher verfolgte, bis es mir an der Zeit schien, aus dem Pyjama zu schlüpfen und vom warmen Lager aufzustehen. Kaum war ich angezogen, als das Telefon von neuem klingelte und vom linken Zuge gemeldet wurde, dass der Schütze Walter im Stand 3 a durch Kopfschuss verwundet sei.

Eilig machte ich mich mit dem Kompanietruppenführer und einem Krankenträger auf den Weg. Die Nacht war mondhell und die weithin überschwemmte Niederung mit weissem, gangbarem Eis überfroren, das hell im Lichte lag. Vorn am Hochwasserdamm sah ich die Mündungsfeuer der Werke flackern und hörte auch von drüben den scharfen Abschussknall. Vor allem erstaunte mich, dass ein Garbe von ganz rechts den Damm flankierte und mit Leuchtspurbahnen in der Nähe des Werkes "Alkazar" niederging. Ich sah daraus, dass die Franzosen den Abschnitt sehr gut  studiert hatten. Das ist eine Art der Aufmerksamkeit, die erst am Ergebnis sichtbar wird.

Im Zugbunker "Limburg" traf ich den Verletzten, der schon verbunden war, auf einer Pritsche liegend an. Der Verband war durchgeschlagen und der Feldrock blutüberschwemmt. Vom Arm zog sich ein zweiter Blutstrom bis zu den Stiefeln hin. So lag er, wie aus der Färberöte gezogen, als Schreckensbild, still an die Wand gekehrt. Ich liess ihn nicht stören, bis der Krankenwagen kam. Am Morgen hörte ich dann von dem Arzt, der ihn verbunden hatte, dass Aussicht auf Heilung ist. Der grosse Blutverlust kam daher, dass die Temporalis durchgeschlagen war.

Ich liess die Stelle, von der aus der Schütze verwundet worden war, mit Feuer belegen und ging dann die Werke ab, in denen ich die Mannschaft recht brav an ihren Waffen sitzen sah. Nachdem ich noch die Meldung erstattet hatte, suchte ich gegen vier Uhr wieder die Hütte auf.

(Bild: Arteria temporalis superficialis und Verzweigungen)

Friday, December 12, 2008

Schilfhütte, 15. Februar 1940

An der Wand der Schilfhütte, neben dem Ofen, während ich das Meldebuch durchsehe; ein graues Gebilde von der Glätte der Eselshaut, bestehend aus einem Schlangenhalse, der sich an seinem abgeschnittenen Ende bugartig wölbt, und einem Schlangenkopf, der oberhalb der spitz bewehrten Kiefer in einen Menschenschädel übergeht. Es ist im Nackenansatz durch einen starken Nagel halb an die Wand geheftet, halb wie durch eine Zwinge angeklemmt. Vom Halse spielt, wie auch vom Kinn, ein Flossensaum hernieder; man ahnt, dass diesen Hals ein sonderbarer und unbekannter Leib getragen hat.

Da ich derartiges noch nie so nah, so deutlich und so wach gesehen habe, zeichne ich es sogleich mit kurzen Strichen auf einen Meldeblock, der mir zu Händen liegt, und stosse dabei auf feine, sinvolle Einzelheiten in der Anatomie, die sich dem ungeübten Stift entziehen. Auch fallen mir Züge des Leidens auf - mechanisch, stumpf und tief in sich verloren, wie sie solchen Wesen eigen sind.

Dann trete ich darauf zu, und alles verwandelt sich in einen Lappen aus grauer Wolle, der zum Putzen der Schüssel neben dem Ofen am Nagel hängt.

Thursday, December 11, 2008

Schilfhütte, 14. Februar 1940


Nachts achtzehn Grad. Obwohl ich angekleidet und mit dem Baschlik um die Ohren unter den Decken lag, stand ich fröstelnd um vier Uhr auf und zündete Feuer in meiner Hütte an.

Zuvor war ich in einem herrlichen Geschäft gewesen, in dem es, wie in manchen Läden an der Chiaja von Neapel, Meereskostbarkeiten wie Schildpatt, Korallen und Perlmutter zu kaufen gab. Ich war in die Paläontologische Abteilung eingetreten, in der Kristallvitrinen erlesene Versteinerungen bargen, Kunstwerke der Natur – an ihnen hatten die Äonen ziseliert. Es gab wundersame Stücke – so lagen auf blauem Sammet Trilobiten aus purem Golde neben Fischen aus grünen und violetten Erzen, und hochgerippte Muscheln strahlten im Irisglanz. In meiner Nähe stand Fürst Pignatelli und suchte rote Marmorfliesen für sein Stadthaus aus. Er wählte sie in der Farbe, in der sie den Sockel der Bronzesäulen von Bernini in der Peterskirche schmücken, und in jede von ihnen sollte das quarzene Geäder einer Crinoideenranke eingeschlossen sein.

Indes er seine Fliesen gleich einem Domino zusammenstellte, wog ich einen schmalen Loligo in den Händen, der einem Marmorpfeil in Teerosenfarbe glich. Das Ausserordentliche an diesem Stücke war, dass man die purpurroten Flecken, mit denen das Tier im Leben spielt und die im Tod verbleichen, sowie die grüne Iris seiner grossen Augen im Stein erhalten sah. Doch schwankte ich, ob ihm nicht noch der Panzer eines Krokodiles vorzuziehen wäre, der in bleichgrünem Jade verteinert war. So kunstvoll war die Petrifikation gelungen, dass jedes Plättchen wie in Scharnieren spielte und dass ein solbernes Geläut erklang, wenn man den Panzer hob.

Unschlüssig stand ich vor der Wahl, da weckte mich die Kälte auf. Und als ich wie Aschenbrödel, das vom Balle kommt, vor meinem Ofen sass, da sagte ich mir: "Solche Feste feierst du Nacht für Nacht, und nur zuweilen lässt ein plötzliches Erwachen dich einen Einblick tun." Auch sagte ich mir: "Unser Reichtum ist ungeheuer, da er in den Atomen wohnt. Wir steigen wie durch Schächte in unsere Tiefe, unsere Minengänge ein."

(Bild: Seelilie, Crinoidea)

Sunday, December 7, 2008

Schilfhütte, 13. Februar 1940

In den Morgenstunden wird es in der Schilfhütte kühl. Obwohl ich unter drei Decken und meinem Mantel im Schlafsack liege, tastet sich die Kälte allmählich zum Körper, bis an die Pulse, durch, und nach einer Weile unruhigen Schlummers entzünde ich die Kerze, die auf dem Wandbrett steht. Ihr Schein fällt auf die Decke, die aus Lagen des langen gelben Schilfes gebildet ist, das hier in feuchten Niederungen und am Rand der Seen wächst. Sein hohes knotiges Stroh wird in der Stellung so mannigfach verwendet, dass es ihr das Gepräge oder die Stimmung gibt. Vor allem liefert es den Stoff zur Tarnung der Strassen und Anmarschwege, die es duch langgedehnte Spanische Wände zugleich verblendet und weithin sichtbar macht. Auch sind die Ufer des Rheines zu beiden Seiten durch solche Rohrgardinen abgeschirmt. Und endlich dienen diese schlanken Halme zur Deckung der Wände und Dächer aller Bauten, die nicht, wie die Bunker, rein dem Kampfe gewidmet sind - wie der Latrinen, der Postenstände und der Hütten, in denen die Mannschaft wäscht und kocht und ihre Waffen reinigt und die wie Lauben oder Nester flüchtig an den Beton der Werke angeheftet sind. Während den Bunkern und den Drahtverhauen in dieser Winterlandschaft eine bleierne Schwere innewohnt, verleihen die gelben Bänder und Hütten ihr einen freien und sonderbaren Zug. So könnten Welten, in denen intelligente Vöge wohnen, besiedelt sein.

Neben der Kerze liegt ein Handbuch, in dem ich noch ein wenig lese, zumeist die Bibel und in diesen Tagen Boëthius. Weitere Bücher, draunter auch Schiess- und Kampfvorschriften, sind auf einem Holzbord aufgeschichtet, das sich nahe dem Schilfdach an der Wand hinzieht. Gleich über dem Lager sind Pistole, Gasmaske und Fernglas an Nägeln aufgehängt. Sonst weisen die rohen Bretter als Schmuck nur eine Stellungskarte auf. Zu erwähnen sind ferner der mit Karten und Papieren reich bedekte Tisch nebst einer Wandbank und dem Telefon, der Koffer und der kleine Ofen, der in seiner von der Glut gebräunten Ecke steht. Neben ihm trocknen kurze Knüppel von Erlenheistern, die ich am Schwarzbach fällen liess. Ihr Holz ist glänzend, hell genarbt und an den Schnitten gelblichrot verfärbt. Die Ofenhitze entlockt ihm einen Duft, der die Erinnerung an heisse Sommerstunden in den Sümpfen weckt.

Kurz vor acht Uhr tritt Rehm herein und zündet Feuer an. Dann giesst er Wasser ein und reicht mir beim Waschen und Rasieren die Gegenstände zu. Sehr aufmerksam und immer ein Augenblickchen eher, als ich sie brauche, als nähme er an einer feierlichen Handlung teil. Inzwischen fängt der Rest des Wassers an zu kochen und dient zum Teeaufguss. Es folgt das Frühstück mit Brötchen und Butter aus dem Dorfe Greffern; Ihm schliessen sich die ersten Geschäfte an.

So lese ich die Berichte des Offiziers und Unteroffiziers vom Stellungsdienst, während sich Urlauber und Arbeitskommandos abmelden. Neben der Schilfhütte liegt ein zweiter, ähnlicher Bau, in dem der Kompaniertruppenführer, wenn er des Morgens aus dem Bunker kommt, an seine Arbeit geht. Am Mittag trifft der Hauptfeldwebel aus Stollhofen hier mit Befehlen und der Unterschirftenmappe ein.

Während des Frühstücks hat Rehm die Blende vor dem Fensterchen entfernt; ich blicke aus ihm, wie schon so oft in meinem Leben, auf die Geflechte und Stacheln des Drahtverhaues, wie er, zusammen mit dem Sprengstoff und den Splittern, zu den Symbolen unserer Zeit gehört. Darüber leuchtet im Hintergrunde die Kuppel des Kirchturms von Stollhofen, und wenn ich mich dicht an die Scheiben beuge, fange ich mit dem Auge zugleich die Kirche von Schwarzenbach ein, die als ein mächtiges rotbraunes Steingebilde in unserem Rücken liegt. Sie scheint für ein so kleines Dort gewaltig, doch das erklärt sich daraus, dass sie als Zeugin eines längst zerstörten Klosters erhalten blieb. Zuweilen, wenn ich in Schwarzenbach zu schaffen habe, steige ich über wüste Böden und ein Gewirr von Treppen in ihren Turm hinauf, in dem ich die Batterie, die meinen Abschnitt überwacht, eine Beobachtung unterhält. Es ist dort recht gemütlich; ein elektrischer Ofen heizt die kleine Türmerstube, an deren Wände Schusstafeln, Feuerpläne und Tabellen hängen und durch deren Auslug man bei klarem Wetter das Strassburger Münster sehen kann.

Meist wird es zehn Uhr oder später, ehe der Rundgang durch die Stellung beginnt. Ich fange ihn, nachdem ich die Reservebunker besichtigt habe, über den Einstieg der Elefantenbrücke am rechten Flügel an. Die Posten und die Kommandanten melden auf die vorgeschriebene Weise, und zuweilen trete ich mit vorgefasster Absicht in eins der Werke ein. So prüfe ich einmal, ob die Handgranaten an ihrem Platze lagern, dann, ob die Türen luftdicht schliessen, ob die Waffen auf die befohlenen Ziele zeigen und ob die Bunkerbücher tagtäglich nach dem vorgeschriebenen Schema ausgefertigt sind. Auf diese Weise komme ich über die Zugführerbrücke bis zum Werk III mit seinen beiden Türmen und von dort zur starken Panzerfeste "Alkazar", die fast am linken Flügel liegt. Während des Rundgangs melden sich die Führer der im Abschnitt eingesetzten Pionier- und Arbeitszüge und ebenso die beiden Unteroffiziere, denen der Stellungsbau und die Beobachtung des Feindes besonders übertragen sind.

Da drüben die Ufer dicht bewaldet sind, ist von den Franzosen wenig wahrzunehmen, eine vorgeschobene Postierung ausgenommen, die von uns als "Grosse Tarnung" bezeichnet wird. Das ist ein Bauwerk, dessen Art uns Stärke unklar sind, da es sich gänzlich hinter dichten Matten und Tannengrün verbirgt. Doch ist es gut besetzt, wie aus den Posten, die sich sorglos zeigen, zu schliessen ist; auch wirbeln über die grünen Mauern Wolken von Tabakrauch empor.

Endlich, und möglichst um die Mittagsstunde, pflege ich noch in der Küche vorzusprechen, die im Zollhaus von Greffern liegt. Hier ist die Aufbewahrung, Güte, Zubereitung und Menge der Speisen nachzuprüfen, wobei es manchen Anstand gibt.

Den Rückweg nehme ich dann über den "Toledo"-Graben, der vom "Alkazar" durch die leeren Felder zum Gefechtsstand führt. Der Pfad liegt verödet, da er sich zum Teil durch überschwemmte Wiesen zieht, auf denen man mit Gummistiefeln die Fährte spüren muss. Dennoch ist dieser Abschnitt meines Ganges mir der liebste, und ich betrachte die halbe Stunde, die ich auf ihm verbringe, als mein Eigentum. Sie ist die einzige, die ich in voller Einsamkeit geniesse und die Ähnlichkeit mit meinem Leben in den vergangenen Jahren hat. So spinne ich auch in ihr die abgerissenen Pläne wieder an.

Diese Strecke mit ihren wechselnden Beständen lädt dazu ein, in kleinen Exerzitien Gedanken vorzuordnen und wieder zu zerstreuen. Sie führt entlangt alter Weiden, deren hohle Stämme sich halb im vergilbten Schilf verbergen, und mündet hier und dort in Mais- und Tabakfelder, die nicht abgeerntet sind. Diese Bestände wechseln mit dem hohen, verdorrten Kraut und Tobpinambur, die man im Volk die Schnapskartoffel nennt und deren in Zehen gespreizte Wurzel verfüttert wird. Dem gleichen Zwecke dienen schwere weisse Rüben, die in dem Viertel, in dem sie über dem Boden stehen, von der Sonne gerötet sind. Man erntet zunächst ihr grünes Kraut und mietet sie an Ort und Stelle in kleine Hügel ein, die dann im Winter nach Bedarf geleert werden.

Zuweilen belibe ich auch stehen, um mit meinem guten Glase die Tiere in den öden Feldern zu beobachten. Der Kiebitz flattert schreiend um die Ränder der überschwemmten Stücke, auf deren Inseln dunkle Schwärme von Krähen Wacht halten. Im Dickicht der Hindernisse, die in vielen Reihen labyrinthisch die Front begeliten und hoch von dürrem Gras durchsponnen sind, haben sich Rebhühner und Fasane eingenistet; sie schwirren vor dem Fuss des Wanderers davon. Sehr prunkvoll ist der Anblick des Fasanenhahns, der wie ein Spielwerk im Schimmer seiner bunten Bronzen aufsteigt, mit langem, durch den Wind gewellten Stoss. Auch Rehe treten in das Erlendickicht des Schwarzbachgrundes ein, während man in den kahlen Wipfeln seiner Pappeln Raubvögel Auslug halten sieht. Sie scheinen vor allem nach Maulwürfen auszuspähen, die das hohe Grundwasser dicht am Lichte bauen zwingt. Daher sind sie so wohlfeil, dass nur ihr Eingeweide noch ausgeschnäbelt wird, indes man die kleinen roten Rippenstücke verschmäht auf den verwaisten Hügeln leuchten sieht.

Über die mittelere der Schwarzbachbrücken kehre ich zum Gefechtstand zurück. Um diese Zeit pflegt Rehm Ausschau nach mir zu halten, und wenn ich die Tür der Hütte offne, dampft die Suppe auf dem Tisch. Meist gibt es Nudeln, Graupen, Weisskohl, Steckrüben oder Reis, im Glücksfall auch Linsen, Gulasch oder eine Scheibe Fleisch. Da ich den Abschnitt durch den Kompanietruppenführer, einen Oberförster, bejagen lasse, hängt in unserer Waffenkammer zuweilen auch etwas Wils, das wir für kleine Feste aufsparen.

Der Nachmittag wird meist mit kleinen Dienstgeschäften und Papierkrieg ausgefüllt. Zuweilen wandelt sich die Schilfhütte auch zum Tribunal, mit peinlichen Vernehmungen bei Kerzenlicht. Es handelt sich dabei stets um die gleichen Vergehen: Urlaubsüberschreitung, unerlaubte Entfernung, um in den kleinen Wirtschaften der Dörfer zu zechen oder Mädchen aufzusuchen, und Verstösse gegen die Wachtvorschirft. Der Nervenkrieg versetzt die Menschen in einen Zustand der Unfreiheit, in dem der reine Ablauf der Zeit bereits als Schmerz empfunden wird. Indem der Einzelne dem zu entrinnen sucht, fügt er sich leicht Beschädigungen zu.

An manchen Nachmittagen mache ich auch blau bei einem guten Kaffee, der mir von Freunden in feingemahlenen Portionen gespendet wird. Am Brett des kleinen Fensters picken Buchfinken, Blaumeisen und Hänflinge die Kuchenkrümel auf, unter denen eine kleine, rostrote Ratte Nachlese hält. Sie haust in den mit Weidengeflecht verstärkten Wänden der Schilfhütte, und jedesmal, wenn sie in ihr Nest einfährt, wird sie von ihren Jungen mit feinem, freudigem Pfeifen begrüsst. In anderen Teilen des Geflechtes treiben Maulwürfe, die Rehm als "Hamster" bezeichnet, ihr Wesen - wühlende, räumende Beweger von Lasten, die ein Geräusch erzeugen, das die Fähigkeit so kleiner Tiere bei weitem zu übersteigen scheint.

Dann naht die angenehme Stunde, in der mit der Abenkost zugleich die Post nach vorne kommt. Auch meldet sich die Abteilung zurück, die an der Reihe war, nach Schwarzenbach zum Baden geschickt zu werden - meist ein wenig angeheitert, doch ist diese Unordnung gesetzlich, da laut Kompaniebefehl nach dem heissen Bade, um Erkältungen vorzubeugen, ein Wirtshaus aufzusuchen ist.

Zum Abendessen setzt Rehm Wachskerzen auf, die einen angenehmen Duft ausströmen. Es folgt nun eine ausgedehnte Beschäftigung mit Büchern, da ausser der Korrespondenz die Leküre als einzige der gewohnten Geschäfte ist, das sich hier weitertreiben lässt. In den ersten Wochen pflegte ich um diese Stunde wie zu Hause Tee zu trinken, doch machte ich die Erfahrung, dass beim Leben so dicht am Boden Rotwein besser bekommt. Auf diese Weise lernte ich den deutschen Burgunder kennen, gegen den ich, wie gegen den deutschen Kaviar, ein Vorurteil besessen hatte, das unberechtigt gewesen war. In seinen besten Jahren, Lagen und Gewächsen gewinnt er einen kapriziösen Geist, den südlichere Gebirge zu entwickeln nicht fähig sind.

Natürlich gehören auch diese, wie alle vierundzwanzig Stunden des Tages, zum Dienst, und die Musse gleich der einer Spinne im Netz. Sowie an irgendeinem Punkt eine Berührung oder Beobachtung erfolgt, ertönt das Summen des Telefons. Gegen elf Uhr treffen die Melder von den Zügen ein, und um Mitternacht geht die Mogenmeldung an das Battailon.

Damit ist der Tag beendet, wenn nicht noch ein letzter nächtlicher Rundgang durch den Abschnitt folgt.

Beendet: Boëthius' "Consolationes", die ich im Bahnhof von Karlsruhe inmitten Betrunkener zu lesen begann. Der Gipfel des Werkes liegt in der Zuordnung von freiem Willen und göttlicher Fügung - Boëthius verlegt den freien Willen in die Zeit, die Fügung aber in die Ewigkeit. Da wir in beiden leben, so schalten wir in unseren Taten in vollen Freiheit, und dennoch sind sie zugleich in jeder Einzelheit vorherbestimmt. Auf diese Weise untersteht der Handelnde zwei Qualitäten, von denen die eine der anderen unendlich überlegen ist. Im höheren Rahmen mögen wir uns bewegen, wie wir wollen, dennoch verharren wir in ihm. In allem ist, wie ein Gewürz, auf wunderbare Weise zugelich die Ewigkeit.

Diese Einsicht ist einer der Punkte, eines der Kaps, an die das menschliche Denken gelangen kann. Kant zieht die theologische Unterscheidung auf logische Weise nach; seine alles zermalmende Wahrheit ist also eine Wiederholung der Wahrheit schlechthin. Im Grunde gibt es keine neuen Wahrheiten - neu ist hier eine wiedersprechende Eigenschaft.

Gewisse Beziehungen fielen mir beim Lesen auch zu Tolstoi auf - insbesondere zu dem merkwürdigen Vorwort, das "Krieg und Frieden" einleitet. In ihm untersucht Tolstoi die Tatsache, dass der Mensch als Einzelwesen seine Entscheidungen in voller Freiheit trifft und dass diese Entscheidungen dennoch in eine feste Statistik einmünden. So belibt die Zahl der Selbstmorde im Verlauf der Jahre sich beinahe gleich, nur die Motive ändern sich. Eine je grössere Anzahl freier Entscheidungen sich summiert, desto mehr verschwindet der freie Wille aus dem Resultat. Das erlaubt umgekehrt den Schluss, dass im freien Willen des Einzelnen ein unbekannter Faktor sich verbrigt, der in den Entschlüssen der Gattung sichtbar wird. Nach Tolstoi ist uns Willensfreiheit auch um so weniger gegeben, an je entscheidender Stelle wir tätig sind.

Was übrigens die "Tröstunegn" des Boëthius angeht, so glaube ich, dass der Schmerz durch sie auf keine Weise verringert werden kann. Wir müssen ihn auskosten. Während er indessen in den niederen Lebenskreisen chaotische Gewalt besitzt, gewinnt er in der Berührung mit dem hohen und edlen Sein Gestalt. Die Tröstung fügt ihn in einen goldenen Käfig, oder besser: in einen Altar ein, der höheren Wert besitzt als aller Schaden, den ein kurzes Menschenleben erleiden kann.

So wirkt die Tröstung, die sich Boëthius spendete, noch heute nach; und diese Wirkung in der Zeit ist nur ein Abglanz des höheren Gewinnes, wie das Gedicht ihn in dem Verse "Besiegte Erde schenkt uns die Sterne" sehr schön verheisst.

Friday, December 5, 2008

Schilfhütte, 12. Februar 1940


Soeben, als ich auf der Pritsche liegend gegen die Schilfdecke starrte, kam mir der Tag, an dem ich mit dem Magister in Segesta weilte, in den Sinn. Was die Griechen waren, habe ich nicht im Anblick der Säulen dieses Tempels geahnt - ich sah es duch sie hindurch, in den Wolken, als ich auf seinen Stufen stand.

So muss man auch die Prosa lesen: wie durch eine Gitterwerk hindurch.

(Bild: Der Tempel von Segesta, Trampani, Sizilien)

Thursday, December 4, 2008

Schilfhütte, 7. Februar 1940


Das Tauwetter hält an. Am Nachmittag erhob sich im linken Nachbarabschnitt eine heftige Schiesserei mit Maschinenwaffen in drei Tonlagen; sie lebte mehrere Male wieder auf. Verirrte Geschosse schlugen bei Greffern in unseren linken Flügel ein. Es wird nun Zeit, dass ich die Verbindungswege, die ganz im Schlamm versunken sind, durch Faschinenwerk abdecken lasse. Auch der Schilfhütte täte ein Sandsackgürtel gut.

In den Nächten steigt drüben häufig ein Fesselballon auf mit einem Licht, das einem roten Sterne gleicht. Beim Einholen wird die Gondel zuweilen vom Boden angestrahlt, auch hörten die Posten vom Werk "Alkazar" das Geräusch der Winde, die ihn zog. Die Franzosen tarnten gestern und heute das waldige Ufer, das uns gegenüberliegt, mit hohen Schilfblenden. So deuten manche Zeichen auf das Ende der Idylle in diesem Abschnitt hin.

Gelesen: "Ludwig Devrient" von Altmann, ein Weihnachtsgeschenk von Bruder Physicus, mit vielen mir neuen Einzelheiten über Hoffmann und den Betrieb bei Lutter und Wegener. Hier blühte für kurze Jahre einer der seltenen Zirkel, bei denen man von einer Kultur des Rausches sprechen kann, während im allgemeinen das Urbild der Orte, an denen unsere Zecher schmausen, wohl mehr in Auerbachs Keller zu suchen ist. Daher hielt sich wohl auch der wüste Grabbe nicht in diesem Kreis.

Es finden sich bedeutende Einblicke in das Wesen des Rauschen selbst - wie in der Hoffmannschen Bemerkung, dass durch den Wein im Trinker nicht Ideen geschaffen werden, sondern nur durch der Umschwung der Ideen gefördert wird. Die Phantasie vergleicht er dabei einem Mühlrad das sich beim Schwellen des Stromes hurtiger bewegt - das Getriebe dreht sich funkelnder und rascher, wenn der Zecher Wein aufgiesst. Dem entspricht auch meine eigene Erfahrung - der Rausch addiert nicht, er multipliziert. Bei Brüchen verkleinert er sogar.

Auf die Kunst des Sprechens beim Spiel eingehend, macht der Autor die treffende Bemerkung, dass es einen höheren Sinn der Sprache geben kann, indem das Wort sich über die eigene Bedeutung zum Träger des Affekts erhebt. Nur möchte ich dies den tieferen Sinn des Wortes nennen - die Sprache senkt sich auf die reine Lautbedeutung, auf das Alphabet der Leidenschaft hinab. Demgegenüber hat sie auch eine höhere Sphäre, in der das Wort gleichfalls undeutlich wird - es löst sich im reinen Äther auf. Es schmilzt an den extremen Graden des Sinnlichen und Geistigen dahin. Wir erfassen mit ihm nur die mittlere Lage; es ist Münze, die unter Menschen gilt.

Sehr gut auch über den stärksten Ausdruck der Leidenschaften, bei dem die Töne sich verkehren, indem etwa das Grässliche in verzerrter Freude ausgesprochen wird. Dem entspricht dann das Verhalten des Publikums, das nicht mehr wie sonst dem Spiel das Tosen des Beifalls spendet, sondern schweigend und ohne Regung im Zauberbann verharrt. Nach allem Überlieferten muss es sich bei Devrient um eine Kraft gehandelt haben, wie sie höchst selten in Erscheinung tritt.

Stilistisch: "Es kam aber auch vor, dass das allzu betonte Fingerspiel ihm manchen Tadel eingetragen hat." Der Eindruck des Schiefen wird hier durch eine Überladung hervorgerufen, da die Stimmung des Ungenauen sowohl dem Haupstatz wie dem Nebensatze aufgetragen ist und so die doppelte Beleuchtung in logisches Zwielicht wirft.

In dem Zitat aus der Terenz-Übersetzung auf Seite 186:

Und so, ein Gläschen nach dem anderen schlürfend, soll mir gemächlich dieser Tag vergehen.

mangelelt dem Partizipialsatz die Führung durch das grammatische Subjekt. Ein solcher Fehler wird schwer entdeckt, sollte aber in einem guten Text nicht vorkommen.

An Devrient wurde auch gerühmt, dass er die "A parts" wirklich für sich, und nicht zu den Zuschauern, zu sprechen verstand. In der Tat ist das ein Zeichen nicht nur des Mimen, sondern jedes Künstlers von Geblüt. Die Worte und Werke sind Gespräche und Selbstgespräche, die der Zuhörer belauscht. Die Rolle des Publikums ist andersartig, als es den groben Anschein hat - es bietet nur den Anlass zur Entfaltung der künstlerischen Kräfte und ist beileibe nicht ihr Adressat. Dennoch ist seine Rolle bedeutend, so in der Qualität der Zeugenschaft.

(Bild: Ludwig Devrient, deutscher Schauspieler, 1784 - 1832)

Wednesday, December 3, 2008

Schilfhütte, 4. Februar 1940


Gestern abend, infolge einer Flasche Affentaler Klosterrebberg von 1921, der sich sehr flüssig trank, hatte ich als Solozecher den ersten Spitz in dieser Hütte, und zwar einen von jener besten Sorte, nach der man sich gesünder, zufriedener erwachen fühlt. Dabei schob er die ganze Nacht in leichter, angenehmer Weise heitere und farbig untermalte Bilder vor. Dergleichen Künste gelingen nur dem Wein und nur in seinen reinsten, besten Sorten, und auch diese gleichen Schlüsseln, durch die nicht jeder geöffnet wird. Von solchen erinnere ich mich noch an einen Parempuyre, den ich mit Papa trank, vor allem aber an einen leichten weissen Landwein, der uns in Carcassonne die Nacht vertrieb und bis in die Atome erheiterte. Als ich davon ein Fass bestellen wollte, hörte ich, dass diese Sorte schon in geringer Entfernung von ihrem Boden den Duft verliert. So ein Wein gleicht einem Funde, einem Freund, um den man sich bemühen muss, wenn man in jene Jahre kommt, in denen man nicht mehr wahllos trinkt.

(Bild: Alkohol & Autor, Suhrkamp, ISBN 3518395831)

Schilfhütte, 3. Februar 1940

Vormittags in Stollhofen beim Bürgermeister, um die Öffnung des Reihnwärterhäuschens zu verlangen, das nach der Neueinteilung in meinem Abschnitt liegt. Auf dem Rückweg flog ein unbekannter Vogel mit langem, schmalem Halse und langem Stoss an mir vorbei. Dass manche Tiere, so wir mir dieses, uns absurd erscheinen, beruht auf perspektivischer Verzerrung und deutet die Entfernung unseres Standorts von dem des Schöpfers an.

So will es mir auch scheinen, dass die Sternbilder, wie wir sie sehen, exzentrische Figuren bilden und dass es Punkte im Universum gibt, an denen die Harmonie der Welten in höchster Ordnung sichtbar wird.

Schilfhütte, 2. Februar 1940


Traum. Halb in einem fliessenden Wasser stehend, hielt ich mit zwei schwachen Gerten ein Wesen von mir ab, in dem sich der Körper einer Ratte mit einem Schlangenkopf und Schlangenschwanz verband. Ich konnte es in der Schwebe halten, so dass die Strömung es nicht an mich trieb, doch lösten sich hin und wieder kleine schwarze Parasiten von ihm ab und glitten, mit den Beinen tastend, dicht an mir vorbei. Endlich befreite mich aus dieser Lage ein Knüppelhieb, der über meiner Schulter hinweg ins Wasser klatschte und dem Wesen den Garaus machte, das nun bäuchlings stromabwärts trieb. Er rührte von einem Bauern her, der hinterm mir hemdärmelig im Ufergras sass und mir gutmütig zunickte. Statt ihm zu danken, wandte ich mich von ihm, nachdem ich ihm zugerufen hatte:
"Don't disturb me!"

Erwachend erkannte ich die Figur als echt, denn oft im Leben war meine Anteilnahme an der Lage, in der ich mich befand, so brennend, dass ich das Widrige der Gegnerschaften, die sie mit sich brachte, darüber fast vergass.

Dabei erinnere ich mich an den Bruder Physicus, der mir einmal erzählte, dass ihm in einem Traumhandgemenge ein Schuss das Leben raubte, doch dass die Neugier nach dem Ausgang dieses Treffens ihn auch im Tode nicht ruhen liess. Da ihm zum Schuss indessen das sinnliche Instrumentaruim fehlte, trat er im Geiste hinter einen der Überlebenden und blickte, von ihm als einer Brille profitieren, duch ihn hindurch.

Zur Désinvolture. Hier liesse dich noch erwähnen das Wort gracious, zu dem uns gleichfalls die Entsprechung fehlt. Die Paarung von Macht und Anmut ist bei uns zu selten, um eigene Worte hervorzubringen, und diese Sprödigkeit hat uns im Grunde im Lauf der Weltgeschichte den guten Anspruch oft verscherzt. Daher leben dann auch Ausnahmen, fast als Zauberwesen in der Erinnerung fort.

Am frühen Morgen brachten die Leute ein Reh, das sich im Drahtverhau bös verletzt hatte. Das Tier stand zwischen uns, scheinbar ganz ohne Scheu, indem es den Schnee mit Blut einfärbte, und mir fiel auf, wie es so ruhig, ja intelligent zu leiden schien. Ich hatte dann in der Schilfhütte ein Telefongespräch, und als ich wieder nach draussen kam, hing es schon ausgeweidet am Spannholz in der Luft. Der Melder, als ich ihn zur Rede stellte:
"Wenn wir es hätten laufen lassen, dann hätten andere es gegriffen und abgeschlachtet. So haben wir auch etwas."
Dieses "auch" den imaginären Schlächtern gegenüber fand ich dialektisch so gut gelungen, dass ich die Sache auf sich beruhen liess.

Am Nachmittag durch hohen Schnee nach Stollhofen. Rechts hörte ich zum ersten Mal in diesem Krieg eine Beschiessung, die mich an Deckung denken liess. Das Feuer gegen einen einzelnen Bunker klingt in der Weite der Landschaft fast punktförmig und sehr genau. Man unterscheidet mehrere Takte - die schnellen, fliessenden einer Gruppe von Maschinengewehren und dazwischen langsamer, stärker und heiserer die Arbeit der überschweren und panzerbrechenden Schusswaffen. In einer Entfernung beachtet man, fast wie bei einem Strassenunfall, den Vorgang kaum.


Schilfhütte, 31. Januar 1940

Nach kurzem Aufenthalt im Pfarrhaus von Stollhofen besetzte ich mit der Truppe von neuem die alte Stellung am Schwarzbachbogen, so dass ich wieder in die Schilfhütte eingezogen bin.

Tuesday, December 2, 2008

Auf der Fahrt, 29. / 30. Januar 1940


Rückfahrt. Bei diesem Aufbruch hatte ich das Gefühl, seltsamen Dingen entgegenzufahren, unbekannten, nahen, die keine Phantasie errät. Als der Zug anrollte, begann Perpetua zu weinen und stieg schnell die dunkle Treppe hinunter, während ich langsam aus der Halle fuhr.

In Northeim sah ich das Abendrot als mattes Glühen am grauen Himmel und über dem dunstigen Schnee. In solchen grauen Einöden leuchtet die Farbe auf geheimnisvolle Weise, als anderes und überlegenes Prinzip. Oft scheint sie in den Atomen aufzuglühen, wie man es an der Perle, der Perlmutter und den Opalen sieht. Das Grau entzündet sich in ihnen und gibt der Farbe schillernde Tiefe - nicht die des Raumes, sondern des Zauberspieles, das die in der Materie versteckten Schätze zur Oberfläche hebt. Auf diesem Sinnbild beruht die Kostbarkeit der Perlen: es gibt Punkte, an denen wir erkennen, dass ein Stückchen Stoff von Erbsengrösse unschätzbar wertvoll ist.

Karlsruhe. Nachts zwischen zwei und vier im Wartesaal Lektüre der "Consolationes" des Boëthius. Die Massen in der grossen Halle - Urlauber, Eisenbahner, Arbeiter mit früher Schicht, auch Angetrunkene und vereinzelte Frauen, grau, stumpf, leidend wie im Traum. Sehr sonderbar, wenn einer von ihnen lacht.

Im Pfarrhaus erfuhr ich, dass die Truppe seit gestern in die Bunker abgerückt ist. Kurzer Schlaf im kalten Zimmer, dann Fahrt nach Rastatt. In den Nichtraucherabteilen ist es immer ein wenig leerer - so schafft schon eine Askese niederen Ranges den Menschen Raum. Wenn wir als Heilige leben, ordnet sich uns das Unendliche zu.

(Bild: Anicius Manlius Severinus Boëthius, mittelalterliche Illustration)

Sunday, November 30, 2008

Kirchhorst, 25. Januar 1940

Lektüre: Hasper, "Über die Krankheiten der Tropenländer", Leipzig 1831 - ein Werk, das seit langem unter meinen Büchern steht. Derartiges kaufte ich damals gern. Enthält gute Schilderungen des Lebens in den Sumpfgebieten, so von Teilen der Küste von Guinea nach der Beschreibung von Lind. Überschwemmte, verschlammte Waldungen, in denen Myriaden von Insekten mit ihren Flügeln die Lichter löschen und das Konzert des niederen Getiers den Schlaf vertreibt. Die Luft ist verdorben, dick und so von faulen Dünsten erfüllt, dass die Fackeln zu ersticken drohen. Selbst die menschliche Stimme verliert ihren natürlichen Klang.

"Besonders muss man es den ostindischen Seekapitäns Dank wissen, dass sie auf den Schiffen nach der Mahlzeit die Weinflasche nicht mehr als höchstens sechs Mal herumgehen lassen."

Die Bewegung der Seuchen gleicht dem Heerzeuge dämonischer Wesen. "Nachdem diese Krankheit fünf Jahre lang in Hindostan und Dekan gewütet und unzählige Menschen hinweggerafft hatte...wendete sie sich im Oktober 1821 nach der westlichen Seite hin bis nach Schiraz in Persien, wo sie binnen acht Wochen 60000 Menschen hinwegraffte, und sie erschien darauf zu Bassora, Bagdad, Moscat und Aleppo in Syrien."

Der Windstoss, in Europa zuerst erwähnt im "Asiatic Journal" von 1822, soll auf Strömungen von überhitzter Luft beruhen, in die man gerät, um dann blitzartig gefällt zu werden. Es wird vermutet, dass es zwischen gewissen Felsengruppen Brennpunkte gibt, an denen die Sonnenstrahlen die Luft in einer Art durchglühen, die Zerstörungen der Lunge bewirken kann. Der Windstoss wird in Ostindien La genannt, was mit dem persischen Loh und unserem Lohe gleichbedeutend sein soll.

Kirchhorst, 18. Januar 1940


Seit gestern wieder in Kirchhorst, wo Perpetua mich nach allen Regeln der Hausfrauenkunst verwöhnt. Die Küche ist gut versehen, und zum Überfluss trafen aus dem "Hecht" von Überlingen noch Weinbergschnecken ein, zur Erinnerung an die Schneckenvespern, die ich dort mit Friedrich Georg und Mezger hielt und deren Abschluss auf den Aschermittwoch fiel. Sie sind noch auf die Art des guten Feuchti zubereitet, den in der Fasnet vor zwei Jahren, als er im Eunuchenkostüm vor den Sektlauben Wache hielt, ein Schlag zu Boden streckte und uns so eines Meisters beraubte, die noch wissen, was Kochen heisst. Wie die Schwaben alles zierlich zu verkleinern wissen, so sagte er zu seiner Schwester, als sie ihn fand, dass ihn ein "Schlägle" getroffen habe - das war sein Abschied; doch lebt sein Geist noch in Rezepten fort.

Der Frost ist wieder angestiegen, so dass ich ganz häuslich bleibe, in die Aufzeichnungen der Goncourts über Gavarni, in Hebels "Schatzkästlein" und die Geschichte des japanischen Prinzen Genji vertieft. Auch war ich schon ein wenig in der Sammlung tätig und hatte dabei den Einfall, später die Gattung Sternocera zu beschreiben, sowohl nach den Regeln der Systematik als auch nach Art des Juweliers. Prunkstücke der Natur.

Die Wasserleitung ist schon seit Tagen eingefroren - nun zieht auch die Pumpe in der Waschküche nicht mehr. Um sieben Uhr abends zeigte das Thermometer, das ich im Badezimmerfenster aufgestellt hatte, schon zwanzig Grad. Es scheint, dass das Jahr auch rein elementarisch ausserordentlich beginnt.

(Bild: Edmond & Jules de Goncourt, portraitiert von Paul Gavarni)

Friday, November 28, 2008

Flehingen, 15. Januar 1940

Gefastet. In der Nacht starke geistige Attacken; auch Fieber von den Märschen her. Ging aber früh zum Dienst und rückte mit aus. Auf dem Marsche lass ich immer singen, was den Leuten und mir selber gut bekommt. Alle rhythmischen Dinge sind Waffen gegen die Zeit, und gegen sie im Grunde kämpfen wir. Der Mensch kämpft immer gegen die Macht der Zeit.

Nachmittags Offiziersbesprechung beim Regiment in Bretten; ich erfuhr dort vom Oberst, dass ich den Urlaub nachholen und dann die Ausbildung der Stosstrupps des Regiments übernehmen soll. 

Flehingen, 14. Januar 1940

Ein kalter Sonntag, den ich mit einer Grippe im Bette zubringe. Gelesen: „Der Schild des Herakles“, den man dem Hesiod zuschreibt. Die Sänge von den Schilden stellen Miniaturen des Universums dar, wie es im Sinne der Alten lebt. Der Blick fällt gleichsam aus Adlerhöhe auf die Schöpfung, die er auf das winzigste verkleinert und doch in ungemeiner Schärfe sieht. Das erklärt die Mannigfaltigkeit auf engstem Raume, die göttlichen Schmiedekünsten zugeschrieben wird. Entsprechend nehmen der Ausdruck und die Art des Vortrags metallischen Charakter an; die Sprache schildert die Schöpfung wie in Erz getrieben, in höchster Dichte und Deutlichkeit.

Sodann die Bibel in der Übersetzung von Henne, die mein Quartierwirt mir geliehen hat. Seltsam, dass die Zeit des Moses älter als die von Jakob und Joseph wirkt – was sicher auf der versteinerten Wirkung des Gesetzes beruht. Die Sonderung durch das Gesetz, möglich wohl nur kraft ägyptischer Weihen und Kenntnis uralter Mumifizierungskünste, verhärtet das Leben, das zur Ehernen Schlange wird. Bei den Geschichten um Joseph treten alle Verhältnisse des Lebens dagegen in seiner vollen Ausdehnung auf das deutlichste hervor. Das ist der Sinn der Urgeschichte überhaupt: das Leben in seiner zeitlosen Bedeutung darzustellen, während es durch die Geschichte im zeitlichen Ablauf geschildert wird. Urgeschichte ist daher immer die Geschichte, die uns am nächsten liegt, Geschichte des Menschen an sich.

Flehingen, 11. Januar 1940

Bei scharfem Frost nach Flehingen und Sickingen, zwei Orten, in denen wir länger bleiben sollen und die unser Kommandeur in einem Anfall schlechter Laune über die Unterkünfte als „Flöhingen und Stinkingen“ bezeichnete. Wo der Tross nicht über die verschneiten Berge kam, löste sich die Marschkolonne in wagenschiebende Gruppen auf. In Flehingen beim katholischen Pfarrer im Quartier, mit dem ich mich am Abend länger unterhielt.

Wössingen, 10. Januar 1940

In aller Frühe Aufbruch über Durlach mit seinen rötlich-glänzenden Weinbergen nach Wössingen, dort im evangelischen Pfarrhaus einquartiert. Während des Marsches herrschte eine trockene Kälte, wie ich mir ihrer in solcher Schärfe nur noch aus dem harten Winter von 1928 auf 1929 entsinnen kann. An der Kolonne entlanggehend, sah ich zum ersten Mal ein erfrierendes Ohr – die Muschel war, als ob ihr ein Ring von Frischfleisch angeheftet wäre, weiss gesäumt. Wie es sich für den aufmerksamen Chef gehört, war ich der erste, der den Schaden entdeckte, eher als die Nebenmänner und auch als der Betroffene, den ich gleich mit dem Kraftrad zur Behandlung fahren liess.

Abends sass ich mit dem Oberstleutnant Vogler noch ein Weilchen bei der Pfarrerin und ihrer Tochter, während der Pfarrer auf Reisen war. Doch spürte man seinen Einfluss als präsente Macht im ganzen Haus. Es gibt zwei Arten der Disziplin – die eine, die von aussen nach innen wie eine Beize wirkt und den Menschen härtet, und eine andere, die vom Kerne wie ein Licht nach aussen strahlt und ihn, ohne ihn der Milde zu berauben, doch furchtlos macht. Zur ersten brauchen wir immer Meister, während die andere oft wie ein Samenkorn in uns erwächst.

Die Kirchenbücher, die seit 1690 erhalten sind. In einem von ihnen steht als Kuriosum, dass eine Magd, nachdem die über vierzig Jahr lang Röcke getragen hatte, eine andere schwängerte, sodann als Mann ihr Leben weiterführte und alt wurde.

Amüsanter Bericht über einen Vorgänger, der dort als eine Art von Falstaff im Winterquartier lag. Das ist ein Typus, wie ihn die Kriege immer wieder erzeugen werden, und immer bleibt es die gleiche Erscheinungswelt, die ihn umgibt: verschlagene und räuberische Diener, fette Gänse, lockere Mädchen, Zechgelage und Kartenspiel.

Ettlingen, 9. Januar 1940


Nachtmarsch bei Regen, Hagel und Glatteis bis Ettlingen. Das Eis schoss glasig an den Helmen, Zügeln und Mänteln an. Die Isolatoren der Überlandleitungen waren im kalten Nebel von blauen, gischtigen Lichtern überschwemmt. Solche Nächte sind vom Klirren der ungezählten Schritte in Nagelstiefeln fast ausgefüllt – das ist die kleine Münze des Krieges, eine Summe von unbekannten Anstrengungen und Leiden, die in der Schlacht als Kapital erscheint.

(Bild: Deutsche Infanteristen)

Tuesday, November 25, 2008

Baden-Oos, 8. Januar 1940

Um fünf Uhr wurden wir abgelöst und marschierten im Dunkel durch Felder und Wälder nach Baden-Oos. Beim Abmarsch Magenschmerzen, die sich dann besserten. Als Infantrist verfügt man über eine der besten Medizinen: über den langen Marsch.

Die Greffern-Stellung mit ihren offiziellen und geheimen Sorgen fällt nun in die Vergangenheit als Abschnitt, an den man sich erinnern wird. Im reinen Überstehen liegt heute schon Verdienst. In diesem Bunkergürtel fiel kaum ein Schuss, ausser auf Flieger und dann auf die zahlreichen Fasanan und Hasen, die in den schon hoch vom Gestrüpp durchflochtenen Drahtverhauen ihre Schlupfwinkel aufsuchten. Doch herrschte ein gewisser Komment. So wurde der Feldweibel Köhler, als er einen Baum ersteigen wollte, mit einer Feuergarbe bedacht. Ebenso gab es im Nachbarabschnitt Verwundete, weil man dort eine Strohpuppe mit der Maske von Chamberlain vorgezeigt hatte. In der Armee übersteigt die Zahl der bei Verkehrsunfällen Getöteten die der durch feindliches Feuer Gefallenen um das Vielfache. Zu den ersten Toten gehörte übrigens ein Feldwebel der Propagandakompanie, der am Lautsprecher gefallen ist.

Um Mitternacht bezogen wir eine Kaserne in Baden-Oos, in der ich auf dem Feldbett der Kälte wegen angezogen schlief. Wie uns im Traume oft Gestalten reiner und deutlicher erscheinen als bei Tage, so stellte sich mir hier der Typus der Zudringlichen dar, und zwar in einem kleinen Gemüseladen, in dem ich eine gebratene Ente erwarb. Neben der Verkäuferin standen noch zwei, drei alte Weiber, von denen das eine den Vogel unbescheiden und obwohl ich es mir oft verbat, betastete. Es tat das, scheinbar, um mir Ratschläge zu erteilen, wie so ein Leckerbissen zuzubereiten und aufzutischen sei - in Wirklichkeit jedoch nur, um sich dann die Finger abzuschlecken, und es beraubte den Braten so allmählich der braunen, leckeren Glasur. Zuletzt fuhr dieses Wesen, das hager, beweglich und mit grossen spähenden Augen wie ein Fliege ausgestattet war, dem Vogel noch mit gekrümmtem Zeigefinger in die Hinteröffnung und holte ein Stückchen Eingeweide zum Schmause daraus hervor. Dann huschte es schnell hinaus und liess die Ente abgegriffen und unansehlich auf dem Ladentisch zurück. Erst jetzt begannen die anderen Weiber auf die Verschwundene zu schelten, woraus ich schloss, dass sie mit bösen Kräften versehen war. So war mir nicht nur das Mahl verdorben, sondern ich wurde auch von der Ahnung, dass die Begegnung unheilvolle Wirkung haben würde, noch bedrückt.

Schilfhütte, 6. Januar 1940


In der "Corona", die ich von Kirchhorst mitbrachte, las ich eine Novelle "Bartleby" von Hermann Melville, der 1891 in New York gestorben ist. Obwohl ähnlich wie im "Oblomow" ein rein passiver Charakter geschildert wird, ist der Stoff doch so gut ausgesponnen, dass die Anteilnahme in keinem Augenblick erlahmt. Unter den Gaben, die ein Autor besitzen kann, ist das erzählende und fabulierende Talent zwar nicht das höchste, doch steigert es die Wirkung aller andren Kräfte, ähnlich wie die Gesundheit jede Lebensäusserung erhöt.

Beendet: die "Theogonie" des Hesiod. Das gewaltige Bild: wie Uranos zur Nacht herabsteigt und die Erde umfängt, mäht Kronos ihm mit der zahnigen Sichel das Schamglied ab und wirft es hinter sich. Aus den Blutstropfen, die von der Wurfbahn auf die Erde träufeln, wachsen Erinnyen, Nymphen und Giganten, während die Scham in den Ozean fällt und ihrem weissen, auf den Wellen treibenden Fleische die Aphrodite entspriesst.

Das sind noch andere Urzeugungen als die kleinen Aufgüsse, die wir im Leipziger Zoologischen Institut bewunderten.

(Bild: Die Kastration des Uranos, Giorgio Vasari, Palazzo Vecchio, Florenz)

Monday, November 24, 2008

Schilfhütte, 5. Januar 1940

Kaffeestunde in der Schilfhütte, während deren ich die Tagebücher nachtrage. Eine Wachskerze aus der Lüneburger Heide steht auf dem blauen, geleerten Ingwerglas, das sie im Schmelzen mit gelben Fäden übersponnen hat. Die blaue Flamme umzittert eine gelbe Aura, ein feinster Lichtstaub, in dem sich die Materie zerstreut.

An Räucherkerzen verwandte ich bislang eine grüne Sorte, milde und angenehm, dann eine braune aus Sandelholz und endlich schwarze Stäbchen aus Japan, auf deren weisser Asche in dunklen Lettern ein Spruch erscheint. An trüben und feuchten Orten, auch in der Nachbarschaft der Ratten, gewinnt man Sinn für solche Wissenschaft.

Die Eigenart der Werke tritt nicht so scharf hervor, wenn man in ihnen wohnt. Sie wurde mir erst deutlich, als ich gestern den Bunker 14 unweit vom Zollhaus Greffern revidierte, den die Besatzung verlassen hat. Als ich mit grosser Mühe die ungeheure Stahltür geöffnet hatte und in die Betongruft hinabgestiegen war, stand ich zwischen den Machinenwaffen, den Entlüftern, den Handgranaten und der Munition allein und hielt den Atem an. Zuweilen fiel ein Tropfen von der Decke, oder es läutete in verschiedenen Signalen das Festungstelefon. Hier erst erkannte ich den Ort als Wohnsitz eisenkundiger Zyklopen, denen das innere Auge fehlt - ganz ähnlich wie man in den Museen oft Gegenstände schärfer in ihrem Sinn erkennt als jene, die sie vor langer Zeit benutzten und fertigten. So war ich, wie im Inneren der Pyramiden oder in der Tiefe der Katakomben, dem Zeitgeist konfrontiert, den ich wie ein Idol ganz ohne den bewegten Schimmer der technischen Finessen sah und dessen ungeheure Stärke ich begriff.

Übrigens erinnerte das sehr Gedrückte, Schildkrötenhafte dieser Bauten an die aztekischen Architekturen, und nicht nur äusserlich. Was dort die Sonne war, ist hier der Intellekt, und beide stehen in Beziehung zum Blut, zur Todesmacht

Schilfhütte, 4. Januar 1940


Vom Urlaub zurück, den nach zwei Tagen ein Telegramm beendete. Perpetua brachte mir die Nachricht in die Klause, in der ich gerade eine schöne Sternocera aus Djibouti betrachtete. Nachher fand ich sie traurig in der Küche vor.

Als Bahnlektüre das Buch von Brousson über Anatole France. Auf Seite 16 das bekannte Zitat aus La Bruyère: "Ein wenig mehr Zucker im Urin, und der Freigeist geht in die Messe." In der Tat beginnen wir zu glauben, wenn es uns schlechter geht. Wir nehmen dann aber auch Gerüche, Farben, Klänge auf, die uns sonst unzugänglich sind.

(Bild: Sternocera aequisignata)

Kirchhorst, 1. Januar 1940

Auf Urlaub in Kirchhorst. Die Mansarde trägt schon den Stempel des Unbewohnten; wie bald zieht doch der Wohngeist aus. Gestern, am Silvesterabend, sprach Martin von Katte vor. Er erzählte aus dem polnischen Feldzug Einzelheiten, die mich zu anderer Zeit gefesselt hätten, doch ist unser Vermögen, Begebenheiten aufzunehmen, begrenzt. Auch schienen mir von jeher alle Dinge, die ich von jenseits der Weichsel las und hörte, von geringerer historischer Bedeutung, als ob sie in nebelhaften Ländern spielten, in denen sich der Kontur verwischt. Ich hatte nie eine Vorstellung von Etzels Palast, ausserhalb des Chaotischen.

Schilfhütte, 27. Dezember 1939

Frost, Nebel und windstille Luft zauberten Rauhreifbildungen hervor, wie ich es in solcher Fülle noch niemals sah. Die Bäume und Gesträuche waren bis in die feinsten Spitzen kristallisiert wie Zweige, die man in Mutterlauge stellt. In zartester Erstarrung traten sie still und wundersam hervor, als ich heut Morgen zum Werk Alkazar schritt. Sie tauchten aus dichtem, schneefeuchtem Nebel auf, oft schwer zu sehen, wie weisse Ornamente, die mit dem Ätzstift auf graue Platten eingestochen sind. Doch dann erfasste sie das Auge insgesamt mit einem Male, wie mit einer neuen Kunst des Sehens begabt. So spielten die Gesetze der Kristallwelt auch in das Landschaftsbild im grossen ein, indem es plötzlich in das Bewusstsein einzuschliessen schien. Indessen prägten sie auch die geringsten Formen - so hatten sich am Morgen auf den gefrorenen Schnee noch kleine Graupeln aufgelegt und bildeten ein Muster auf kristallisiertem Grunde, einen Irisschleier, mit Sternchen aufgewebt.

Das Wasser der Bäche floss schwarz und leblos durch diese helle Welt. Sein Anblick erinnerte mich an meinen alten Plan, über "Schwarz und Weiss" zu arbeiten. Das ist weit schwerer, als über die Farben etwas beizubringen, dager erscheint mit diese Abhandlung auch als ein Meisterstück, zu dem mir noch das Werkzeug fehlt.

Sunday, November 23, 2008

Schilfhütte, 26. Dezember 1939

Von der Ägyptologie verspreche ich mir insbesondere die Klärung des Überganges von den Bildern zu den Buchstaben - darin verbirgt sich der Angelpunkt des Unterschiedes zwischen alter und neuer Welt. Herodot ist deshalb die Quelle ersten Ranges, weil beide in ihm lebendig sind. Griechen und Perser. Cäsar und Kleopatra. Abend- und Morgenland. Der byzantinische Bilderstreit. Die Chinesen als Glieder der alten Welt. Napoleon, wie er die Fenster zählt. Den Buchstaben wohnt auch ein Bestreben inne, sich zu Bildern zurückzuformen, etwa in der Wendung zum Ornament. Sie gewinnen bei diesen Versuchen, wie in den Moscheen, etwas Starres – gleich einem, der erfundene Träume erzählt.

Eben weilt die kleine Katze bei mir in der Schilfhütte. Ihr Atem steigt sichtbar als Wölkchen in die kalte Luft, sich mit dem meinen mischend, dann wird er uns beiden, gewissermassen als Odem, wieder eingepresst, als ob es eine Quelle wäre, die uns beide belebt. Indem ich dies vermerke, springt sie zu mir auf den Tisch und schlägt mir mit dem Pfötchen die Feder weg. Kleine Schmeichlerin.

Schilfhütte, 25. Dezember 1939

Am Weihnachtsabend erst Rundgang durch alle Bunker, dann Essen mit dem Kompanietrupp – Fasanen, gut abgehangen in unserem Munitionsraum, der zugleich als Wildkammer dient.

Heut morgen dann Gang am Schwarzbach im Rauhreif, mit Erinnerungen an frühere Weihnachten. Es gibt nur eines, das uns nie verlässt – die Lebensstimmung, die seit dem ersten Bewusstsein die gleiche bleibt, wie eine Melodie, die immer wiederkehrt und deren Takte noch spielen, wenn das Schiff versinkt.

Ein Raubvogel strich von einer Schwarzpappel ab, liess sich dann auf einem Acker nieder und hüpfte in zugleich unbeholfen und heraldisch starren Sprüngen davon. Da ich ihm folgte, wollte er über den Schwarzbach setzen, fiel aber im Flug in Wasser und arbeitete sich wieder an das Ufer hoch. Als ich auf ihn zutrat, sah ich, dass sein linker Flügel zerschossen war; das Blut träufelte mennigrot in den Schnee. Der Vogel blickte mich starr mit seinen gelben Augen an, mit geradem, kühnem und völlig ungebrochenem Blick. Ich liess ihn, nachdem ich ihn lange betrachtet hatte, ohne ihn anzutasten, im Gestrüpp allein.

Gedanke: „Da du ihn nicht berührtest, kommt er vielleicht davon.“

Sodann vor einem Kruzifix. Kalt von der Dornenkrone hing der Reif in langen silbernen Fäden herab. Auch hatten die Augen Silberwimpern angesetzt, die leise im Lufthauch zitterten.

Schilfhütte, 17. Dezember 1939


Die Nachricht vom Tode des Dr. Ostern hat mich betrübt. Solche Naturen bringt die Zeit nicht mehr hervor, oder sie bildet sie nicht mehr. Aus Zwickledt sandte mir Kubin ein Bändchen Erzählungen.

Nachts leichter Schneefall. Ich zog in meine neue Hütte ein, die angenehm nach frischen Brettern riecht. Die Wände sind mit Faschinenwerk verstärkt, die Decke ist aus Schilf gebildet, das nun, nachdem ich im Bunker lange auf Beton gestarrt habe, sehr angenehm und warm zu sehen ist.

(Bild: Alfred Kubin)

Bei Greffern, 8. Dezember 1939

Am Abend wurde ein Tunichtgut von etwa fünfzehn Jahren dicht am Rhein aus einem Drahtverhau geholt, in dem er wie eine Drossel im Sprenkel sass. Er wurde mir in zerrissenen Kleidern vorgeführt und erzählte, dass er aus Pforzheim ausgerissen sei, „um die Befestigungen zu sehen“. Da das Bürschlein einen harmlosen Eindruck machte, liess ich ihm in unserer kleinen Kantine zu essen geben und im Bunker eine Pritsche einräumen. Dann kamen zwei Gendarmen, um es abzuholen, bedeutend ungemütlicher als wir Soldaten, indem sie ihm die Taschen durchsuchten und die Hosenträger abknöpften. Als sie mit ihm abzogen, drehte sich der eine noch nach mir um: „Das ist ein ganz Sauberer, ein ganz Geschickter.“

Die Polizisten sind auf das Schlechteste in uns geeicht. Daher behalten sie auch meistens recht.

Thursday, November 20, 2008

Bei Greffern, 4. Dezember 1939

Wieder im Abschnitt. Abends kam der grosse Schlafsack an, den Spinelli für mich bestellt hat, mit roter Seide überzogen, so dass ich nun im Bunker liege wie ein Mandarin im Staatsgewand.

Karlsruhe, 2. Dezember 1939

Beim Heraustreten auf den Platz herrliches Morgenrot. Goldene Wolken vor grünem Hintergrund. Das westliche Gewölbe kalt, blassgrün. Die grossen Bauten stehen noch still und menschenleer. In diesem Lichte wirken sie höher, klarer, auch tritt ihr geisterhafter Plan hervor - die Qualität, in der sie nicht für Menschen allein errichtet worden sind.

Abends Verdunkelung. Die Auslagen in den Geschäften sind durch winzige Lichtquellen erhellt und Gegenstände in ihnen phosphorisch präsentiert. Ihr Anblick weckt das Gefühl von Kostbarkeiten - was wohl darauf beruht, dass man in ihnen weniger Güter als die Idee von Gütern wahrzunehmen glaubt.

Begonnen: Hebbels Briefe, eine Lektüre, die mich neben seinen Tagebüchern schon öfters im Leben stärkte und kräftigte. Es tut uns immer wohl, zu wissen, dass schon einmal jemand auf dieser Galeere weilte und dass er sich würdig auf ihr verhielt.

Karlsruhe, 28. November 1939

Seit Tagen nehme ich hier in Karlsruhe an einem kurzen Lehrgang teil und bin im "Reichshof", einem Hotel am Bahnhof, untergebracht. Der Schlaf im Bett ist nach der Bunkerzeit sehr angenehm, ein grosser Genuss. Man möchte ihn überwachen, zur Verlängerung der Zeit. In einer Stadt, die ich einrichtete, ordnete ich an: "dass von den bunten Kirchenlichtern zur Trauer alle gebrannt werden könnten, nur die roten nicht".

Die Hesiodsche Zeit, ehe die Götter die Nahrung verbargen, ist das christliche Paradies. Die ersten Menschen lebten in der Fülle, in den Elementen, und nach dem Tode kehren wir zu ihnen zurück. Die Ökonomie, Moral, Technik, Industrie indessen haben sich aus den Elementen entfernt und liegen ihnen mehr oder minder zehrend auf. Dass die Sonne inmitten der Weltraumkälte durch Äonen ihre Gluten spendet, liegt daran, dass sie in den Elementen lebt. In jedem Wunder findet übrigens ein Rückgriff auf die Elemente statt. In jeder Heilung ebenfalls.